Berio – Wie man eine Institution gegen die Wand fährt
Zugegeben, das “Berio” in der Schöneberger Maaßenstraße hat schon immer polarisiert.
Die Kellner, die allesamt der gleichen Besetzungscouch entsprungen schienen und die immer ein wenig zickig wirkten, hatten es nie besonders eilig beim Service, wenn man nicht dem Berio-Schönheitsideal entsprach (keine Hüftknochen und sonst auch eher Typ “Boy, 45, jünger aussehend” mit schrillen Designerklamotten), keine Szeneberühmtheit war oder man auch sonst nicht hilfreich sein konnte im weiteren Service-Leben.
Aber man saß gut, praktisch am Laufsteg, es gab leckeres Frühstück, geniale Torten und auch die Cocktails waren nicht zu verachten.
Wenn man sich dazu entschieden hatte, ins “Berio” zu gehen, hat man vorher die Vor- und Nachteile gründlich abgewogen.
Jahrelang ging dieses Konzept sehr gut auf. Das “Berio” war sozusagen der unangefochtene Platzhirsch unter den Cafés zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz – bis heute.
Am Pfingstmontag, nachmittags gegen 15.30 Uhr passierte etwas. Ein Sturm zog durch die Maaßenstraße und zerbrach die Markise. Es ist niemanden etwas passiert, denn das Café war trotz Feiertag lausig besetzt. Diese Szene zeigt sehr eindrucksvoll den aktuellen Zustand des vormaligen Aushängeschildes – angeschlagen und unattraktiv.
Die Tendenz, die Anfang des Jahres begonnen hat, setzt sich in atemberaubendem Tempo fort.
Was ist passiert?
Der Pächter, der das “Berio” jahrelang erfolgreich geführt hat, wurde aus dem Vertrag gedrängt, weil der Besitzer dachte, dass er sich jetzt ins gemachte Nest setzen kann und das Café erfolgreich weiterführen kann. Außerdem schien er gedacht zu haben, dass er alles viel besser kann und nahm ein paar kleine, aber wichtige Änderungen vor.
Das Berio wurde renoviert. Optisch tatsächlich eine Verbesserung, die Toiletten waren wieder ohne Ekel betretbar. Das gab Pluspunkte.
Aber!
Das Stammpersonal wurde nicht weiterbeschäftigt. Nach Angaben eines ehemaligen Kellners waren wohl die Konditionen so unterirdisch, dass man lieber in die Arbeitslosigkeit ging.
Das neue Personal kann man am besten mit den Worten beschreiben: “If you pay shit, you get shit!”. Die Frühstückskarte wurde arg gekürzt und bietet keine Konkurrenz mehr zu den benachbarten Lokalen wie das “Maibach” oder “Xara”. Der beliebte Cocktailabend wurde abgeschafft, jetzt ist es nur noch teuer. Wenn man im letzten Jahr einen Cocktail “Rainbow” bestellte, bekam man ein Getränk, welches tatsächlich auch so aussah. Heute wird schon mal vorsorglich geshakt, so bekommt man ein braunmatschiges Gesöff.
“Berio” war beliebt für seine tollen Torten, die man auch gerne mal außer Haus mitnahm. Heute gibt es nur seelenloses Allerweltsgebäck.
Einige Tische sind dauergesperrt für Gäste, die nur was trinken wollen, so dass man auch mal an einem Abend um 22 Uhr trotz leeren Lokals mit Deutlichkeit darauf verwiesen wird, dass man sich nicht an die gedeckten Tische zu setzen hat. Wirklich lächerlich, wenn man sich mal die Speisekarte ansieht. Da fragt man sich, warum es überhaupt gedeckte Tische gibt.
Das Kellnernde macht auch eher den Eindruck, als hätte es vorher in Straßencafés im Touristenrummel gearbeitet; immer bereit jemanden anzublaffen.
Die Änderungen sind laut Geschäftsleitung aber Ergebnis einer Kundenumfrage.
Das Ergebnis ist aber desaströs. Änderungen werden bei Schöneberger Schwuppen immer mit Argwohn aufgenommen. Wenn diese Änderungen dann auch noch so dilettantisch sind, dass man mehrere Male hintereinander enttäuscht wieder hinaus geht, dann bleibt zuerst das heimische Publikum weg und später auch der Tourist.
Außerdem gibt es keinen Mangel an Alternativen, so dass der absolute Niedergang nur eine Frage von Monaten oder Wochen ist, sollte sich nicht schnell etwas ändern.
Ich für meinen Teil bereite schon einmal das Requiem vor.

Wir können leider alles nur bestätigen und es blutet einem das Herz.
Am 21.08.10 haben wir erneut versucht dort einen schönen Nachmittag zu verbringen. Leider war es nur furchtbar. Furchtbar dreckig auf der Terrasse, furchtbar langweilig vom Ambiente und Service.
Ruhe in Frieden Cafe Berio
Vielen Dank für diese wunerbare Beobachtung.